Replikationsstudie zur Wahrnehmung von Wettbewerbsauftritten veröffentlicht (April 2026)

Im Jahr 2013 veröffentlichte Chia-Jung Tsay eine Studie zur Beurteilung von Auftritten bei Musikwettbewerben. In mehreren Experimenten präsentierte sie ihren Teilnehmenden Dreiergruppen von Musikwettbewerbsauftritten jeweils mit dem*der Gewinner*in und zwei weiteren Finalist*innen. Die Präsentation erfolgte entweder nur als Tonaufnahme, nur als stummes Video oder als Video mit Ton. Aufgabe für die Teilnehmenden der Studie war es, den*die Gewinner*in zu identifizieren. Überaschenderweise gelang dies am häufigsten, in etwa 50 % der Fälle, mit dem stummen Video. Die Trefferquote lag für die anderen beiden Präsentationsformen (Tonaufnahme, Video mit Ton) bei etwa 33 %, wie es bei bloßem Raten in einer Aufgabe mit drei Antwortmöglichkeiten zu erwarten wäre (dem sogenannten Rateniveau), oder weniger. Tsay bezeichnete diesen Befund als „Sight Over Sound“ Effekt.

Die aktuelle Studie des HML stellt eine Replikation des Sight Over Sound Effekts dar. Das Video- und Tonmaterial für diese stammte aus internationalen Violinwettbewerben. Im Gegensatz zur ursprünglichen Studie wurden die Dreiergruppen aus den Halbfinalrunden gebildet, aber immernoch mit dem*der späteren Gewinner*in. So konnte sichergestellt werden, dass in den drei Auftritten jeweils dasselbe Stück gespielt wurde, was in Finalrunden üblicherweise nicht der Fall ist. Außerdem wurde das Material so ausgewählt, dass die Kameraführung innerhalb einer Dreiergruppe gleich war.

Die Ergebnisse replizieren den Sight Over Sound Effekt: Bei stummen Videos gelang die Identifikation des*der späteren Gewinner*in in etwa 50 % der Fälle, wohingegen sie für die anderen beiden Präsentationsformen (Tonaufnahme, Video mit Ton) etwa beim Rateniveau von 33 % lag.

 

Weitere Informationen befinden sich in der Originalveröffentlichung in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychology:

Vogt, K., Gutzmann, G., & Kopiez, R. (2026). When eyes outvote ears: Revisiting Tsay's Sight-Over-Sound effect in music performance evaluation. Frontiers in Psychology, 17, Article 1767475. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2026.1767475

 

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Zuletzt bearbeitet: 29.04.2026

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